Es bleibt ewig kontrovers

Es bleibt ewig kontrovers : deshalb « fir de Choix » !

 

In seiner Antrittsrede als Koordinator der Programmkommission für das geplante Schulfach « Leben und Gesellschaft » konnte selbst Jürgen Oelkers seine Skepsis nicht ganz verbergen: « Wenn es ewig kontrovers bleibt, kann aus dem Fach nichts werden ».

Wir möchten keine Miesmacher sein, aber die große Anstrengung, mit Hilfe eines Dutzends « Bezugswissenschaften », die natürlich kein Lehrer allesamt  beherrschen kann, ein neues, eigenständiges Fach für elf Stufen zu entwerfen, kann nicht darüber hinweg täuschen, dass das Grundproblem immer noch nicht gelöst ist, und auch nicht gelöst werden kann : Man verlangt in hoch sensiblen Fragen der Ethik und der Sinnstiftung ein Pflichtverhalten strikter Neutralität, die an der Universität wohl eine erstrebenswerte Tugend ist, die interessierten Kinder und Jugendlichen aber maßlos enttäuschen, über- oder aber unterfordern wird…  ,

 

…  gesetzt,  diese Neutralität wird tatsächlich eingehalten.

 

Das wird sie natürlich kaum ! Man kann von den Lehrern, die ja ihre eigenen Werte und Vorstellungen haben, nicht verlangen, dass sie bei der Auswahl der Themen, des didaktischen Materials und der pädagogischen Vorgehensweise tatsächlich neutral bleiben. Die Kinder wollen das ja auch nicht. Ganz im Gegenteil ! Sie wollen Authentizität, Zeugnis einer Lebenseinstellung, einer Lebenshaltung. Sie wollen wissen, wo sie mit dem Erwachsenen, der vor ihnen steht, dran sind. Wenn dieser sich immer krampfhaft zurück hält, in der Angst, seine Schüler zu « überwältigen », bleibt sein Unterricht eine überaus fade, oberflächliche Angelegenheit. Wenn dann, wie es in den beiden aktuellen Fächern immer wieder vorkommt, ein überzeugter Schüler diese weltanschauliche Öde nutzt, um seine Mitschüler von seinem Glauben zu begeistern, gerät die Lehrkraft in die Bredouille. Sie bleibt zwischen den Vorgaben des Ministeriums und den Erwartungen seiner Klasse stecken, und kann nur hoffen, von der Klingel befreit zu werden.

 

Gleichklang oder Vielfalt ?

 

Insgesamt sollen in den sechs Themenfeldern in elf Jahren nicht weniger als

166 ( !) Themen, die sich zum Teil freilich überschneiden,  behandelt werden. Und dies bei einer, maximal zwei Wochenstunden !

Der wohlfeile Text des Rahmenlehrprogramms verfolgt das Ziel, das friedliche und respektvolle Zusammenleben zu fördern. Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden.

Abgesehen davon, dass dies auch ein Anliegen der beiden bestehenden Fächer ist, hier also keineswegs etwas Neues angeboten wird, sei die Frage erlaubt, wie man es schaffen möchte, « Gemeinsamkeiten, aber auch unterschiedliche Wertvorstellungen in Einklang zu bringen » (sic)? Wieso bitte müssen unterschiedliche Wertvorstellungen überhaupt in Einklang gebracht werden ? Ist es nicht ein Gewinn, in einer pluralistischen Gesellschaft, diese Unterschiede gerade zu ergründen, sauber zu artikulieren und als gesellschaftliche Bereicherung anzusehen ? Themen wie Tod, Sinn des Lebens, Freiheit, Würde des menschlichen Lebens, Selbstbestimmung, usw. werden erfahrungsgemäß sehr unterschiedlich behandelt, je nachdem, ob ihnen der Glaube an eine Transzendenz, an einen persönlichen, sich offenbarenden Gott, oder aber die Gewissheit, dass es außer Materie und Energie nichts gibt, zu Grunde liegt.

Gerade dieser Punkt verleiht der Wahlfreiheit ihr wesentliches Argument.

 

 

Gott aber gehört nicht zum Themenkanon

 

Das neue Fach sakralisiert die Säkularisierung.  Religion wird bloß peripher, fast alibihaft  als kulturelles Phänomen thematisiert, beispielsweise in Zusammenhang mit traditionellen Festen, Symbolen…,  oder mit den Naturwissenschaften. Zwar liegen die Lehrbücher noch nicht vor ; man darf aber gespannt sein, ob und wie die Genesis mit Darwin verglichen werden wird.

In den beiden ersten Jahren der Grundschule kommt Religion überhaupt nicht vor, obwohl gerade in dieser Altersstufe Kinder sehr wohl für religiöse Inhalte empfänglich sind, und Religion durchaus in manch einer Familie bereits präsent ist.

Dann aber, im Zyklus 3, sollen die Schüler plötzlich in der Lage sein, ohne schulische Vorbildung, ihre religiöse oder areligiöse Identität miteinander zu vergleichen (Thema : « meine Religion, deine Religion, keine Religion »).

 

Christentum unter « ferner liefen… »

 

Entgegen den Beteuerungen von Minister Meisch und den Vorgaben vom 11. März 2015 fällt zudem auf, dass der in Luxemburg und Europa gewachsenen jüdisch-christlichen Tradition kaum mehr Platz eingeräumt wird, als anderen Religions- und Kulturkreisen. So war es nicht mit den Religionsgemeinschaften am 26. Januar vereinbart worden. Es geht auch nicht mehr die Rede von der « Befähigung, religiöse Symbole und Texte in ihrer Vielschichtigkeit zu verstehen und zu deuten ». Wie voraus zu sehen, werden die Religionsgemeinschaften und die Religionslehrer langsam aber sicher über den Tisch gezogen.

 

Das vorliegende Rahmenlehrprogramm schlägt vor, dass die erste zu behandelnde Religion der Islam sei (Zyklus 3).  Das Christentum kommt an zweiter, das Judentum an dritter Stelle. Eine sonderbare Reihenfolge !

Verwundern tut lediglich, dass « Kirchen und Religionsgemeinschaften in der Zivilgesellschaft » sehr wohl ein Thema sind, obschon der Minister immer wieder betont, Religion sei Privatsache. Wird man den Kindern also etwa sagen, dass Religion in der Zivilgesellschaft nichts verloren hat ?

Aus der Fülle der auserwählten Themen sowie aus dem Aufbau entnehmen wir, dass der Ansatz durchwegs ein positivistischer ist . So als liefere allein die Aufklärung  den Schlüssel zu den existenziellen Fragen und den Herausforderungen unserer Zeit.

Der Tatsache, dass die große Mehrheit der Menschen dieser Welt an Gott glaubt, dass trotz sinkender religiöser Praxis immer noch 70 % der Kinder und 58 % der Jugendlichen im Religionsunterricht eingeschrieben sind, diese sich also erwarten, (ihre) Religion kompetent erklärt zu bekommen, wird kaum noch Rechnung getragen.

 

Sand in die Augen

 

Das Heimtückische am neuen Fach ist zweifellos, dass es den Anschein einer ausgewogenen Abdeckung sämtlicher ethischer, ästhetischer, philosophischer, religiöser, soziologischer, geschichtlicher, politologischer, ethnologischer, ja sogar literarischer Fragen samt ihrer kognitiven, emotionalen und sozialen Aspekte gibt, und so den Eltern und Jugendlichen den Eindruck vermittelt, dass nichts und keiner zu kurz kommt. « Neutral » eben und politically correct.

Viele Eltern werden aus diesem sich gut anhörenden, scheinbar kompletten Angebot schließen, dass ein zusätzlicher, konfessioneller Religionsunterricht, sich erübrigt.

Zwar muss noch abgewartet werden, um die genauen Inhalte des Werteunterrichts zu analysieren. Vor allem wird sich das Entscheidende nachher im Klassensaal abspielen. Hier wird dem Lehrer eine gewaltige Verantwortung anheim fallen. Wie werden agnostische, wie atheistische, wie christliche, wie muslimische Lehrer den Stoff behandeln ?

Man sollte glauben, für das äusserst ehrgeizige Programm würden Fachlehrer ausgebildet. In der Sekundarstufe ist dies vorgesehen, nicht aber in der Grundschule. Unverständlich !

Unverständlich auch, dass das neue Fach nicht schrittweise vom Zyklus 2 an graduell, ein Jahr nach dem andern aufgebaut wird. Nein, es wird ab 2016 in der ganzen Sekundarstufe eingeführt, und ein Jahr später in der ganzen Grundschule. Von Pilotprojekten ist jetzt nicht mehr die Rede. 

 

Wir sind  der Überzeugung, dass es gerade in unserer Zeit ein großer Fehler ist, eine Jugend ohne Gott heranbilden zu trachten, anstatt zumindest den Interessierten (eine Mehrheit !) die Option einer Weltdeutung mit Gott zu gewähren.

 

André Grosbusch von « Fir de Choix »